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Plogging ist gesund und hilft der Natur

Neuer Trend im Extertal: Hans-Jürgen Kowalewski aus Bösingfeld verbindet Nordic Walking oder Jogging mit Müllsammeln

Seit einigen Wochen kann man auf den Straßen und Wanderwegen rund um Bösingfeld einen Mann antreffen, der flotten Fußes unterwegs ist und immer wieder etwas vom Boden aufhebt. Was Hans-Jürgen Kowalewski hier macht, nennt sich „Plogging“. Dabei verbindet er seine regelmäßige Nordic Walking-Runde mit dem Einsammeln von Müll.  
 

„Plogging“ ist eine ungewöhnliche Mischung aus Sport und Gemeinnutz. Es geht hier nicht um ein Hobby, sondern eher um eine Motivation, auch beim Lauf-Sport etwas Sinnvolles zu tun. „Am Straßenrand, in Büschen, auf Gehwegen oder an Ruhebänken liegt überall Müll entlang meiner Walkingstrecken“, sagt der 61-Jährige.

 

Nach 44 Dienstjahren als Servicetechniker bei der Telekom ist er seit Januar im Vorruhestand.
Aber von Ruhe kann keine Rede sein, denn für dieses Jahr hat er sich viel vorgenommen. „Als leidenschaftlicher Radfahrer will ich mit dem Fahrrad von Extertal nach Santiago de Compostela fahren, entlang des Jakobsweges.“  Etwa 45 Tage lang wird er über Holland, Belgien und Frankreich nach Spanien radeln und dort dem Küstenweg bis zum Ziel folgen. Das sind rund 2.900 Kilometer. Übernachten will er im Campingzelt, in Jugendherbergen und Pensionen. Zur Rückreise wird er allerdings das Flugzeug nehmen.
Für die anspruchsvolle Strecke trainiert er nicht nur mit dem Fahrrad, sondern auch im Fitnessstudio und durch tägliches Power-Walking. Einmal wöchentlich belädt er sein Rad mit rund 30 Kilogramm Gewicht, soviel wie sein späteres Gepäck wiegen wird. Dann strampelt er zur Vorbereitung eine Tour von bis zu 30 Kilometern. Noch während seines aktiven Arbeitslebens hat er mit Walking begonnen. „Da bin ich in aller Früh aufgestanden und noch vor Dienstbeginn mehr als eine Stunde unterwegs gewesen. Dabei legte ich stets sechs bis sieben Kilometer zurück.“ Dies machte er auch bei Dunkelheit und bei jedem Wetter. „
Dabei ist mir der viele Müll aufgefallen, der am Wegesrand herumliegt. So etwas gehört nicht in die Natur, sieht nicht schön aus und schadet der Umwelt.“ Also begann er einen Beutel mitzunehmen und alles einzusammeln, was ihm so vor die Füße kam. Inzwischen hat Kowalewski sich ein entsprechendes Equipment zugelegt. „Jetzt habe ich immer Schutzhandschuhe an. Einmal aus hygienischen Gründen und wegen der Verletzungsgefahr an Scherben. Zudem führe ich eine Greifzange mit, um auch an Dinge zu gelangen, die in Büschen oder Gräben liegen.“
 

Es ist unglaublich, wie viel achtlos weggeworfen wird. Selbst im Waldstück entlang des abgelegenen Schönhagener Rings kam allein auf einer Strecke von nur rund 300 Metern schon so viel Unrat zusammen, dass die Tasche voll war. Daneben wurden zahlreiche größere Gegenstände wie Farbeimer, Bierfässchen und sogar volle blaue Müllsäcke im Unterholz gesichtet, die Kowalewski separat der Gemeinde meldet.
Aufgesammelt wird alles, was achtlos weggeworfen wurde. Von Papiertaschentüchern über Dosen und Plastikverpackungen bis hin zu Flaschen. Wenn der Jutebeutel voll ist, hört er auf. Zuhause sortiert er die unterschiedlichen Fundstücke. Verpackungsmüll und Dosen kommen in den Gelben Sack. „Pfandflaschen wasche ich vor der Abgabe ab, denn die Mitarbeiter im Getränkeladen sollen ja auch nicht mit verdreckten Rückgabewaren hantieren müssen.“ Den Erlös spendet er für wohltätige Zwecke.


Nach der Müllsortierung bleiben von dem Gesammelten immer noch 80 Prozent als Restmüll über. Innerhalb eines Monats kommt so die Menge eines vollen blauen Müllsacks allein mit Restmüll zusammen. Zur Entsorgung muss er dann alles auf mehrere Mülltonnen im Familienkreis verteilen.
„Manchmal sehe ich auch größere Mengen Unrat in den Büschen. Dann fotografiere ich diese und melde die Orte per Handy über das Portal „
muell-weg.de“, wo man deutschlandweit wilde Müllablagerungen anzeigen kann. Man gibt den GPS-Standort ein und schickt ein Foto des Fundes. Die App sendet anhand gespeicherter Kontaktdaten die Meldung an das Ordnungsamt der jeweiligen Gemeinde, hier also Extertal. Dort sehen die Mitarbeiter auf einer Karte den Fundort der wilden Müllkippe und erhalten das Foto. Dann schicken sie Mitarbeiter des Bauhofes zur Abholung dorthin.“

Mittlerweile dokumentiert er seine Walking-Plogger-Touren auch auf seiner Instagram-Seite „Lipperontour“ mit Fotos und Videos. Im Kampf gegen den Plastikmüll und Umweltverschmutzung liegt er damit absolut im Zeitgeist und ist Teil der neuen Bewegung „Plogging“.

 

Der Trend kommt aus Schweden. Das Wort „Plogging“ bildet sich aus dem Schwedischen „plocka upp“, das so viel heißt wie „aufheben“ und dem Wort „Jogging“. Kombiniert ergeben sie das Wort „Plogging“.

 

Das macht nicht nur die Umgebung sauberer, sondern ist auch in sportlicher Hinsicht sinnvoll. Weil man oft in die Knie gehen oder sich in Sträucher und Gräben strecken muss, um den Müll zu erreichen, strengt dies auf Dauer sehr an. „Dadurch ist Plogging ein gutes Training für Oberschenkel- und Rückenmuskulatur. Das ist wie ein Intervalltraining und hilft bei der Fettverbrennung. Es ist ein kostenloses Fitnessprogramm kombiniert mit Naturschutz. „Gelegentlich sprechen mich Leute an, was ich da mache. Einer dachte, ich sei ein armer Pfandsammler und wollte mir einen Euro schenken. Da musste ich ihn erst einmal aufklären, dass ich nur Müll einsammele.“


Daraufhin hat Kowalwski sich ein T-Shirt der Plogger-Gemeinschaft gekauft mit dem Aufdruck eines Recyclingsackes und dem Spruch: „Join the latest trend. Fitness Plogging. Jogging for the green world.“ Nun weiß jeder, er ist uneigennützig und im Namen der Umwelt unterwegs. Derzeit entstehen vielerorts Plogging-Gruppen und in größeren Städten gibt es bereits sogenannte „Clean-Up-Events“, also große Müllsammelaktionen mit vielen Teilnehmern. Außerhalb von Schweden und Deutschland gibt es auch Plogger in anderen Ländern. Weltweit teilen die Müll-Sammler inzwischen Fotos auf Instagram. Plogging ist somit eine Mischung aus ökologischer Aktion, Sport und für einige auch ein Social-Media-wirksamer Lifestyle. Aber so lange es einem derart guten Zweck wie der Umwelt dient, ist das nur zu begrüßen und nachahmenswert. Kowalewski hofft nun, dass sich noch mehr Extertaler der Plogging-Bewegung anschließen. Während andere Pilger am Ende des Jakobsweges in der Kathedrale von Santiago de Compostela möglicherweise Abbitte leisten müssen, kann Kowalewski mit seiner positiven Müllsammelbilanz ganz entspannt zu den Gebeinen des heiligen Jakob gehen.
Nähere Infos: instagram.com/lipperontour
| Text und Fotos: Wulf Daneyko/privat